Gesundheit | Streit im Mehrkatzenhaushalt

Deine Katzen fauchen sich nach dem Tierarztbesuch an: das musst du jetzt beachten.

Eine Katze kommt vom Tierarzt zurück, kaum steigt sie aus der Transportbox, fährt die andere Katze die Krallen aus und faucht sie an. Für viele Halterinnen und Halter ist dieser Moment ein Schreck, gerade wenn sich die beiden Katzen sonst gut verstehen. Dieses Verhalten ist ein bekanntes, gut erklärbares Phänomen, das meist auf fremden Geruch und Stress zurückgeht, in vielen Fällen lässt sich die Situation mit dem richtigen Vorgehen innerhalb weniger Stunden bis Tage wieder auflösen.

Wie glimpflich es ausgeht, hängt allerdings nicht nur vom Tierarztbesuch selbst ab, sondern auch davon, wie gut die Beziehung der Katzen grundsätzlich vorher schon war. Bei Katzen, die ohnehin schon eine stabile, entspannte Beziehung zueinander haben, ist eine solche Episode meist schnell überstanden. Gab es dagegen bereits vorher unterschwellige Spannungen, kann ein Tierarztbesuch als zusätzlicher Stressfaktor eine bestehende Konfliktsituation verschärfen oder offenlegen, und im ungünstigen Fall auch zu einem länger anhaltenden Bruch im Verhältnis der Katzen führen. Dieser Artikel erklärt, warum Katzen sich nach einem Tierarztbesuch plötzlich fremd werden, was akut hilft, wann besondere Vorsicht angebracht ist und wie sich künftige Tierarztbesuche entspannter gestalten lassen.

Die Inhalte dieses Artikels

Warum Katzen sich nach dem Tierarztbesuch anfauchen

Fremder Geruch

Katzen erkennen sich untereinander nicht nur ĂĽber das Aussehen, sondern auch ĂĽber den Geruch. In einem Mehrkatzenhaushalt entwickelt sich mit der Zeit ein gemeinsamer Gruppengeruch, eine Mischung aus den individuellen GerĂĽchen aller Bewohner, die sich beim gegenseitigen Beschnuppern, gemeinsamen Liegen und gegenseitigen Putzen immer wieder angleicht. Dieser Gruppengeruch ist fĂĽr Katzen ein zentrales Signal: Er sagt „das hier gehört zu mir, das ist vertraut, das ist sicher“.

Ein Tierarztbesuch bringt dieses System durcheinander. Die Katze, die untersucht wurde, ist mit völlig fremden Gerüchen in Kontakt gekommen: Desinfektionsmittel, andere Tiere, das Praxispersonal, möglicherweise auch Medikamente. Für die daheimgebliebene Katze riecht ihr Artgenosse bei der Rückkehr daher nicht mehr wie ein vertrautes Familienmitglied, sondern wie ein Fremder. Hinzu kommt, dass die untersuchte Katze selbst oft gestresst ist und dieser Stress über Duftstoffe zusätzlich wahrnehmbar wird. Beide Faktoren zusammen erklären, warum eine an sich harmlose Untersuchung zu einer für beide Seiten irritierenden Begegnung führen kann.

Verändertes Verhalten

War der Tierarztbesuch mit einer Sedierung oder Narkose verbunden, kommen weitere Aspekte hinzu. Die Katze kann noch benommen und wacklig auf den Beinen sein, sich ungewöhnlich bewegen oder ungewohnte Laute von sich geben. 

Verändertes Aussehen

Manchmal trägt sie zusätzlich eine Halskrause oder einen Body, was sowohl ihr Aussehen als auch ihre Bewegungsmuster verändert. All das kann für die daheimgebliebene Katze zusätzlich verunsichernd wirken, da vertraute Signale in der Körpersprache plötzlich fehlen oder anders ausfallen.

Katze lernt im Katzentraining Medical Training eine Halskrause zu tragen

Gestresste Tierarztkatze

Ein weiterer, oft übersehener Auslöser ist das Verhalten der daheimgebliebenen Katze selbst. Häufig ist sie einfach nur neugierig auf den fremden Geruch und möchte die zurückgekehrte Katze intensiv beschnuppern, teilweise auch recht aufdringlich. Die Tierarztkatze ist zu diesem Zeitpunkt aber oft noch mit ihrem eigenen Stress beschäftigt. So kann es passieren, dass sie sich gegen das aufdringliche Beschnuppern wehrt und die neugierige Partnerkatze mit Fauchen oder Pfotenschlägen abwehrt. Solche Situationen lassen sich gut vermeiden, indem die neugierige Katze aktiv abgelenkt wird, etwa mit ein paar Leckerlis oder einer kurzen Spieleinheit, statt sie ungebremst auf die Rückkehrerin zulaufen zu lassen.

Schmerzen

Ein weiter Faktor, warum die behandelte Katze feindselig auf ihre Partnerkatze reagiert, sind Schmerzen. Wenn sie eine schmerzhafte Behandlung oder einen Eingriff hinter sich hat, kann sie auch einfach noch Schmerzen haben und möchte daher in dem Moment keinen Kontakt zur Partnerkatze haben. 

Katzen fauchen sich an: Trennung als Mittel der Wahl

Vielleicht liest du diesen Artikel gerade, weil deine Katzen sich ganz akut nach einem Tierarztbesuch anfauchen oder streiten. Wenn es schon soweit gekommen ist, gilt als Erstes: Katzen trennen. Bring beide in getrennte Räume und gib ihnen dort Ruhe. Statte beide Bereiche mit allen wichtigen Ressourcen der Katzen aus wie Wasser, Futter, Katzenklos und Rückzugsorte.

Bestrafe die Katzen für dieses Verhalten nicht und schimpfe nicht mit ihnen, das erhöht nur zusätzlich den Stress in der Situation.

Danach gilt: erst wenn sich der Stress gelegt hat, kannst du die Katzen langsam wieder zusammenfĂĽhren. Lasse sie zunächst unter Aufsicht wieder kurz zusammen, und sorge fĂĽr positive Momente, zum Beispiel ĂĽber gemeinsames Clickertraining oder das sogenannte „Namens-Spiel“, bei dem beide Katzen abwechselnd mit Leckerlis gefĂĽttert werden.

Wichtig nach dem Tierarztbesuch: das Ankunftszimmer

Damit die Katze nach dem Tierarztbesuch Zeit genug hat, wieder ihren gewohnten Geruch anzunehmen und den Stress des Tierarztbesuchs abzubauen lasse sie in einem separaten Zimmer ankommen. Wie du das Ankunftszimmer einrichtest und wie lange die Katze dort verbleibt, hängt von mehreren Faktoren ab. War es eine Routineuntersuchung ohne Narkose, etwa eine Impfung oder ein Check-up? Oder gab es eine Sedierung beziehungsweise Vollnarkose, etwa für eine Operation, einen Ultraschall oder eine größere Untersuchung? Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sich die notwendigen Maßnahmen deutlich unterscheiden, sowohl was den Zeitraum der Trennung als auch was die räumliche Vorbereitung angeht.

MaĂźnahmen nach einer Untersuchung ohne Narkose

War die Katze zu einer Routineuntersuchung beim Tierarzt, reicht in der Regel ein überschaubarer Aufwand. Lass sie zunächst in einem separaten Raum ankommen, statt sie direkt mit der anderen Katze zusammenzulassen. So kann sie den fremden Geruch erst einmal selbst verarbeiten, sich putzen und sich beruhigen.

Du kannst diesen Prozess unterstützen, indem du die Katze streichelst oder mit einem bereits getragenen T-Shirt vorsichtig abreibst. Dadurch wird ihr wieder der vertraute Gruppengeruch aufgetragen. Häufig beginnt die Katze auch von selbst, sich intensiv zu putzen, um den Tierarztgeruch loszuwerden und sich wieder an ihren eigenen Geruch anzupassen.

Parallel dazu lohnt es sich, die daheimgebliebene Katze vorzubereiten. Gib ihr zum Beispiel eine Decke, die während der Fahrt in der Transportbox lag, zusammen mit ein paar Leckerlis vor die Tür. So kann sie sich schon mit dem neuen Geruch vertraut machen, während sie ihn gleichzeitig mit etwas Positivem verknüpft.

MaĂźnahmen nach Sedierung oder Narkose

Nach einer Sedierung oder Vollnarkose braucht es etwas mehr Vorbereitung. Richte für die Rückkehrer-Katze ein eigenes Ankunftszimmer ein, mit Katzenklo, Wasser und Futter (Futter entsprechend der Anweisungen deines Tierarztes). Wichtig ist außerdem, mögliche Absturz- und Klettermöglichkeiten zu entfernen oder zu sichern, da die Katze durch die Nachwirkungen der Narkose noch wacklig auf den Beinen sein kann.

Beaufsichtige die Katze, bis sie wieder sicher läuft und etwas gefressen hat. Wie lange du die Katze dann separiert von den anderen Katzen halten solltest, hängt von Eingriff und Wohlbefinden des kleinen Patienten ab.

Wie lange dauert die Trennung?

Eine pauschale Zeitangabe, wie lange die Trennung dauern sollte, gibt es nicht. Entscheidend sind das individuelle Stresslevel beider Katzen und die grundsätzliche Qualität ihrer Beziehung. Beobachte deshalb genau: Normalisiert sich die Rückkehrer-Katze schnell, sobald sie zu Hause aus der Transportbox steigt, oder bleibt sie länger angespannt, versteckt sich oder wirkt weiterhin gestresst? Auch die daheimgebliebene Katze kann durch den ungewohnten Geruch selbst Stress entwickeln, unabhängig davon, wie es der anderen Katze geht.

Bleiben beide Katzen nach der RĂĽckkehr entspannt und zeigen ihr normales Verhalten, kann die Trennung entsprechend kĂĽrzer ausfallen. Zeigt eine der beiden weiterhin deutliche Stresssignale, ist es sinnvoll, die Trennung so lange aufrechtzuerhalten, bis sich dieser Stress spĂĽrbar abgebaut hat.

Um den Stressabbau zu unterstĂĽtzen, helfen gezielte Beschäftigungsangebote: gemeinsames Spielen, ein Fummelbrett oder eine Schleckmatte lenken ab und helfen, in eine ruhigere Stimmungslage zurĂĽckzufinden. FĂĽr die eigentliche Wiederannäherung eignen sich auĂźerdem kleine gemeinsame Trainingseinheiten, etwa gemeinsames Klickertraining oder das sogenannte „Namens-Spiel“, bei dem beide Katzen abwechselnd mit Leckerlis gefĂĽttert werden. So entsteht eine positive gemeinsame Erfahrung, die die Wiederannäherung erleichtert.

Häufiger Fehler: sofort zusammensetzen

Ein häufiger Fehler ist, die Katzen nach der Rückkehr vom Tierarzt einfach wieder zusammenzulassen, in der Annahme, sie würden das schon unter sich klären. Das kann die Situation eher verschärfen als lösen.

Ist es bereits zu Fauchen oder Knurren gekommen, solltest du dieses Verhalten auf keinen Fall bestrafen oder schimpfen. Aus Sicht der Katze, die zu Hause geblieben ist, verhält sich ihr Artgenosse gerade ungewohnt und riecht fremd, und das allein ist schon verunsichernd genug. Kommt jetzt zusätzlich noch der eigene Mensch aufgeregt oder schimpfend dazu, erhöht das den Stress in der Situation zusätzlich, statt ihn zu senken. Sinnvoller ist es, beide Katzen zu trennen, ihnen Ruhe zu geben und die Wiederannäherung anschließend langsam und kontrolliert zu gestalten.

Praxisbeispiel: Auch bei eingespielten Katzen kann es passieren

Selbst bei Katzen, die sich normalerweise gut verstehen, kann eine solche Situation unerwartet eskalieren, wenn zusätzliche Stressfaktoren zusammenkommen. Ein Beispiel dafür sind meine beiden Katzen Kimi und Rina: Kimi musste sich einer Zahn-OP unterziehen und war anschließend bereits mehrere Stunden von Rina getrennt. Rina hatte in der Phase gerade selbst mit Juckreiz zu kämpfen und trug eine Halskrause. Beide waren schon wieder rund zwei Stunden zusammen, als Kimi durch die vorangegangene Intubation anfing, hörbar zu röcheln. Rina deutete dieses ungewohnte Geräusch offenbar als Knurren und knurrte Kimi daraufhin an, die wiederum überhaupt nicht verstand, was gerade passierte, schließlich hatte sie aus ihrer eigenen Wahrnehmung einfach nur geatmet. Ich habe die beiden daraufhin für den Rest des Abends und über Nacht erneut getrennt.

Dieses Beispiel zeigt: Auch wenn zwei Katzen ansonsten harmonisch zusammenleben, kann ein zusätzlicher Stressfaktor (hier: Juckreiz und Halskrause bei Rina) dazu führen, dass eine Katze ein Atemgeräusch infolge des Eingriffs fehlinterpretiert und darauf aggressiv reagiert.

Tipps für den nächsten Tierarztbesuch

Um solche Situationen beim nächsten Mal von vornherein zu entschärfen, lohnt es sich, die Trennung direkt einzuplanen, statt erst zu reagieren, wenn bereits Anzeichen von Stress oder Aggression auftreten. Bereite außerdem aktiv vor, dass sich der Geruch wieder angleicht, bevor beide Katzen erneut aufeinandertreffen, etwa durch das bereits beschriebene Abreiben mit vertrauten Textilien oder das gezielte Heranführen der daheimgebliebenen Katze an den neuen Geruch.

Langfristige Lösungsmöglichkeiten

Über die akute Situation hinaus lohnt sich langfristig ein Blick auf zwei Ebenen: den Stress rund um den Tierarztbesuch selbst und die grundsätzliche Beziehung der Katzen zueinander.

Medical Training kann dazu beitragen, dass der Tierarztbesuch für die Katze insgesamt weniger stressig verläuft, etwa durch das schrittweise Gewöhnen an Transportbox, Handling und typische Untersuchungssituationen. Auch gezielte Geruchsdesensibilisierung, also die schrittweise Gewöhnung der Katzen an Gerüche, wie sie oft beim Tierarzt vorkommen, kann helfen, gelassener auf ungewohnte Gerüche zu reagieren. Clickertraining zum Aufbau von mehr Frustrationstoleranz und Impulskontrolle unterstützt Katzen zusätzlich dabei, mit unerwarteten Situationen souveräner umzugehen, etwa wenn der Artgenosse einmal anders riecht als gewohnt.

Zeigen sich wiederholt Spannungen, lohnt sich außerdem ein Blick auf die grundsätzliche Beziehung der Katzen untereinander. Bestehen schon unterschwellige Konflikte, etwa um Ressourcen wie Futterplätze, Rückzugsorte oder Aufmerksamkeit, kann ein Tierarztbesuch als zusätzlicher Stressfaktor eine bereits angespannte Situation sichtbar machen. In diesem Fall hilft es, nicht nur den akuten Auslöser zu behandeln, sondern die Beziehung der Katzen grundsätzlich zu stärken.

Fazit

Fauchen und Knurren nach einem Tierarztbesuch sind ein häufiges, gut erklärbares Verhalten. Wer versteht, dass fremder Geruch und Stress dahinterstecken, wer Ruhe bewahrt statt zu schimpfen, und wer die Wiederannäherung Schritt für Schritt gestaltet, hat gute Chancen, dass sich die Katzen innerhalb kurzer Zeit wieder vertragen.

Zeigen sich solche Spannungen jedoch immer wieder oder dauern ungewöhnlich lange an, kann das ein Hinweis auf tieferliegende Konflikte zwischen den Katzen sein. In diesem Fall lohnt sich eine genauere Betrachtung der gesamten Wohnsituation und Beziehung.

Häufige Fragen

Warum fauchen sich meine Katzen nach dem Tierarztbesuch an?

Der Hauptgrund für das Fauchen nach dem Tierarztbesuch ist der fremde Geruch. Weitere Gründe sind verändertes verhalten, fremdes Aussehen, Stress und Schmerzen. 

Wenn sich deine Katzen nach dem Tierarztbesuch mehr als einmal anfauchen, trenne sie und bringe eine Katze zunächst in einem anderen raum unter. Experimentiere nicht zu lange rum, sonst kann sich die Situation noch verschlimmern.

Halte deine Katzen getrennt, bis sie keine Stresssymptome mehr zeigen, und sie den Gruppengeruch wieder angenommen haben. Als Faustregel sind das ca. 24 Stunden. 

Damit nach zukünftigen Tierarztbesuch weniger Konflikte entstehen, lasse die behandelte Katze in Zukunft immer in einem separaten Zimmer ankommen. Langfristig hilft Katzentraining, den Stress beim Tierarzt zu reduzieren, die Katzen an fremde Gerüche zu gewöhnen und deine Katzen stressresistenter zu machen.  

Du warst gerade mit einer deiner Katzen beim Tierarzt, und jetzt ist die Situation zwischen euren Katzen völlig eskaliert? Du weißt nicht, wie du sie wieder zusammenführen sollst, und brauchst dafür eine fundierte Einschätzung? In einer 1:1-Katzenverhaltensberatung schauen wir uns eure konkrete Situation gemeinsam genau an, finden die Ursache und erarbeiten einen klaren Plan, damit deine Katzen wieder dauerhaft friedlich zusammenleben.

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Hallo, ich bin Nadine,
deine Katzenpsychologin
Als Katzenexpertin unterstütze ich dich dabei, das Verhalten deiner Katze zu verstehen, damit ihr wieder leicht und glücklich zusammenleben könnt.

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